Kategorie: Alpencross 2011

Alpencross über die Albrecht-Route von Garmisch-Partenkirchen zum Gardasee – sieben Fahrtage

Alpen-Cross Rückreise: Arco — Riva d. G. — Rovereto — Brenner — Innsbruck — München — Hof (Saale) — Dresden

Morgens kurz nach 09:00 Uhr geht der Bus ab Riva bis Rovereto. Von hier brauchen wir mit der Bahn ca. zwanzig Stunden bis zurück in die Oberlausitz.

Blick über den Gardasee

Blick über den Gardasee

Bis Rovereto verläuft die Rückreise unspektakulär. Hier bekommen wir unseren Anschlußzug zum Brenner jedoch nicht, da aufgrund eines Großbrandes in Roms Bahnhof Tiburtina am 24. Juli 2011 Züge ausfallen. Zwei Stunden sitzen wir in Rovereto fest, der Rückreiseplan ist dadurch wie ein Kartenhaus zusammengefallen. Andere Alpencrosser, die ebenfalls betroffen sind haben keinen Grund zur Aufregung: sie müssen nur nach Süddeutschland zurück.

Torbole sul Garda mit Sarca-Fluß

Torbole sul Garda mit Sarca-Fluß

Am Brenner-Bahnhof ist die Umsteigezeit sehr eng bemessen und fast niemand hat ein Ticket, wir natürlich auch nicht. Zum Glück schafft es der Beamte der Österreichischen Bundebahn nicht bis Innsbruck, alle Fahrgäste zu kontrollieren und weil wir in dem Triebwagen weit vorn sitzen (der Mann hat seine Kontrolle am anderen Ende begonnen) erwischt er uns nicht.

Auf dem Hauptbahnhof in Innsbruck wird für uns klar, daß wir es heute nicht mehr bis Dresden schaffen. Wir erreichen mit dem letzten Zug Hof an der Saale um 00:50 Uhr, der erste Zug Richtung Dresden geht 04:31 Uhr. Die Zwischenzeit verbringen wir bei ein paar Weißbier in einem Pub in der Innenstadt. Die anderen Gäste feiern Semesterferien, wir das Ende einer schönen Radreise.

Hof (Saale) - im Paperla Pub

Hof (Saale) - im Paperla Pub

Im Dresdener Zug wird geschlafen, ab Chemnitz wird es etwas laut, als Menschen auf dem Weg zur Arbeit zusteigen. In Dresden gibt es bald Anschluß an einen Regionalzug Richtung Zittau. Ich steige in Wilthen aus und radle über den letzten Paß – passend zum Sommer 2011 – im Regen.

Zum letzten Paß (383 m) über die Mönchswalder Bergkette bei Wilthen in Sachsen.

Zum letzten Paß (383 m) über die Mönchswalder Bergkette bei Wilthen in Sachsen.

[15,30 km | 200 Hm | 1:18:45 h]

Alpen-Cross Tag 7: Dimaro – Riva del Garda

Durch das Val di Meledrio nach Madonna di Campiglio hinauf; über den letzten Paß (Passo del Gotro (1.848 m)); hinab ins Valle dei Laghi und auf dem Sarca-Radweg bis Arco.

Das Frühstück im Hotel ist reichhaltig vom Büffet und Kaffee gibt es aus Bohnen, nicht aus Granulat. Zum ersten Mal seit Landeck haben wir das Gefühl, eine Sommer-Tour zu fahren. Ganz in kurz und bei Sonnenschein gehen wir die reichlich 700 Höhenmeter nach Madonna di Campiglio (1.522 m) an. Aus Dimaro heraus folgen wir dem Lauf der Staatstraße bis zur ersten Haarnadelkurve am Waldrand direkt nach dem Ortsausgang. Etwas unscheinbar zeigt ein buntes Holzschild den Einstieg in die MTB-Route an.

Bike-Route nach Madonna di Campiglio

Bike-Route nach Madonna di Campiglio

Der Waldweg ins Val Meldrio führt über unzählige Serpentinen anfangs steil aber technisch anspruchslos hinauf ins Skigebiet von Madonna. Meine Erkältung ist zwar abgeklungen doch ich will nichts riskieren und rüste für die Abfahrt ins Ortszentrum auf warme Bekleidung um. Richtig warm ist es hier oben nicht.
Wir wissen nicht wann es die nächste Gelegenheit gibt und so ziehen wir die Mittagspause etwas vor. Außer einem winzigen Schnell-Restaurant mit Draußen-sitzen Möglichkeit hat noch kein Laden mit Mittagstisch offen. Wir kehren ein und essen klassisch Pizza.

Klamottentrocknen während der Mittagspause in Madonna d. C.

Klamottentrocknen während der Mittagspause in Madonna d. C.

Satt versuchen wir den Einstieg in die Route zu finden, das Roadbook ist etwas unklar formuliert und daß wir auf der richtigen Spur sind merken wir erst später. Der Track führt mit leicht fallender Tendenz mehr oder weniger der Höhenlinie folgend über Asphalt- und Schotterwege durch eine schattige Waldlandschaft, fast wie im Harz.
Ab dem Val d’Agola sind laut Roadbook bis zum gleichnamigen See 375 Hm zu überwinden.

Lago di Val d'Agola, Brenta Dolomiten, Trentino

Lago di Val d'Agola, Brenta Dolomiten, Trentino

Vom Lago di Val d’Agola (1.595 m) heißt es schieben bis auf den letzten echten Paß der Route, dem Passo del Groto (1.848 m). Oben angekommen dürfen wir feststellen, daß genau in das Tal, in das wir hinabfahren wollen Regen hängt.

Passo del Groto (1.848 m) - in der Ferne kündigt sich Regen an.

Passo del Groto (1.848 m) - in der Ferne kündigt sich Regen an.

Wir fahren los, treffen bei Beginn des Regens auf einen verwirrten deutschen Single-Alpencrosser. Er findet seinen Weg nicht, hat aber auch den Gardasee als Ziel und wir können ihm nicht weiterhelfen. Als der Regen stärker wird versuchen wir ihn unter einer Gruppe hochstämmiger Fichten auszusitzen, sauen uns dann die Schotterabfahrt doch noch mächtig ein.
Am Rif. Brenta (1.182 m) beginnt wieder der Asphaltweg, der Single-Alpencrosser hat sein Bike an der Hütte angelehnt, zwei andere Bikes stehen auch da. Wir fahren weiter, da eh alles naß ist. Die Abfahrt über den Asphaltweg ist kalt, aber man fährt sich sauber und weiter unten sogar wieder trocken, da der Regen so schnell aufhört, wie er oben begonnen hat.

Asphalt-Passage kurz vor Stenico

Asphalt-Passage kurz vor Stenico

Etwas unspektakulär führt der Track nun über Stenico und Villa Banale ins Sarca-Tal. Drei Tunnel an der Staatsstraße 237 hinter der Ponte Sarca sollte man besser umgehen, die Autofahrer waren aus Hupkonzert schließend nicht sehr begeistert doch wir hatten ein respektables Frontlicht mit und wurden wengistens von vorn nicht übersehen.
Nach ein paar Serpentien abwärts gelangen wir in die breiten Ebene des Valle dei Laghi nördlich des Lago di Garda, in der Ortschaft Sarche (277 m) halten wir an einem Supermarkt, ich brauch mal wieder eine Cola und nehm bei der Gelegenheit auch Bananen und zwei Flaschen Paulaner Weißbier zum Feiern der Zielankunft mit.
Bis Riva del Garda sind es laut einem Straßenschild noch 21 Kilometer. Es gibt einen angenehmen Radweg durch Wiesen und Obstbaumanpflanzungen, den wir der Staatsstraße vorziehen. Drei Kilometer vor Riva finden wir in Arco ein akzeptables Hotel. Im Dorf ist Markttreiben und relativ viel los. Gegen Einbruch der Dunkelheit nach dem Pizza-Essen in einem schönen Restaurant in einem Hinterhofen radeln wir noch mal nach Riva bzw. Torbole, um den Gardasee wirklich nach sieben Tagen erreicht zu haben. An der Uferpromenade ist nichts los und so fahren wir nach einem kurzen Füße-ins-Wasser-halten und einem Kaffee in Torbole wieder zurück nach Arco. Hier hat ein wesentlich belebteres Straßen-Café noch geöffnet. Bis kurz nach Mitternacht die Stühle hochgeklappt werden verbringen wir den warmen Sommerabend hier, dann packen wir im Park gegenüber das Weißbier aus und begießen die harte, aber letztlich erfolgreich geschaffte Route – nur die Harten kommen weiter und von denen auch nur zehn Prozent!

Das Ende am Ufer des Gardasees

Das Ende am Ufer des Gardasees

[107,65 km | 1.800 Hm | 7:17:00 h]

Alpen-Cross Tag 6: Precasaglio – Forcellina di Montozzo – Dimaro

Wieder im Zeitrahmen, langer Ritt über die Forcellina di Montozzo (2.613 m) ins Val di Sole (Sulztal), Autonome Provinz Trient.

Das persönliche Befinden ist besser als am Morgen zuvor aber noch nicht optimal. Der Appetit ist wieder da und ein umfangreiches Frühstück aus Müsli, mehreren Brötchen und unzähligen Keksen wird verputzt. An der Bar des Café ganz den Einheimischen gleich ein Espresso und der Tag beginnt. Himmel bedeckt, 12°C.
Ein Blick ins Roadbook und Höhenprofil verrät, daß es gleich zur Sache geht: von 1.400 m hinauf zur Forcellina di Montozzo (2.613 m). In Pezzo, einem kleinen Dorf, daß sich mit steilen Gassen an das Bergmassiv schmiegt fragen wir zwei ältere Damen nach dem richtigen Weg, da der Einstieg etwas unklar ist.

Ponte di Legno: Orsteil Case di Viso (1.753 m), kleine Steinhäuschen in einem abgelegenen Gebiet.

Ponte di Legno: Orsteil Case di Viso (1.753 m), kleine Steinhäuschen in einem abgelegenen Gebiet.

Der untere Teil des Anstieges ist noch relativ flach, doch ich merke schon, daß der Matze heute den besseren Tag hat. An einem Brunnen fassen wir noch mal Wasser und dann geht es in fast überall fahrbaren Serpentinen den steilen Schotterweg nach oben. Wunderschön ist der Blick zurück und schier endlos der Weg vor einem.

Endlos zieht sich der Anstieg zur Forcellina di Montozzo hin

Endlos zieht sich der Anstieg zur Forcellina di Montozzo hin

Ab der Baumgrenze ist Matze meinen Augen entschwunden aber ich bin sicher, daß er oben am Rifugio wartet. Ziemlich geschlaucht erreiche ich auch das Rifugio Bozzi al Montozzo (2.478 m).
Das Haus ist ein altes Militärgebäude, einem Schild zufolge war hier im ersten Weltkrieg eine Artillerie-Einheit stationiert. Betrieben wird die Hütte heute von einem lebhaften, witzigen Nepalesen. Drinnen ist es mollig war dank zweier Öfen mit Holzfeuerung. Wir setzen uns zu einer Grupper deutscher Alpencrosser aus Erfurt. Sie sind kurz vor uns eingetroffen, Matze konnte den letzten sogar noch kassieren. Im Delirium bestell ich auch eine Portion Pasta mit Fleischsoße, eine Dose Cola und hinterher zwei Schalen Tee – letzteres ganz wie in der Heimat des Hüttenwirts.

Rifugio A. Bozzi (2.478 m)

Rifugio A. Bozzi (2.478 m)

Wieder aufgewärmt und die Klamotten am Ofen getrocknet schieben wir die letzten Höhenmeter bis zum Paß.

Die letzten Meter zur Forcellina di Montozzo, 40% Steigung und loses Geröll.

Die letzten Meter zur Forcellina di Montozzo, 40% Steigung und loses Geröll.

Hier oben ist auch eine restaurierte Stellung des Gebirgskrieges, es ist recht frisch und aus den Wolken fallen ein paar Schneeflocken.

Forcellina di Montozzo (2.613) - höchster off-road Paß der Reise!

Forcellina di Montozzo (2.613) - höchster off-road Paß der Reise!

Die Trail-Abfahrt Richtung Lago di Pian Palu (1.830 m) und Pejo (1.418 m) ist im oberen Teil gut fahrbar, in der Krummholzzone eher nicht mehr.

Downhill von der Forcellina di Montozzo: wo ein Wille ist ist auch ein Weg.

Downhill von der Forcellina di Montozzo: wo ein Wille ist ist auch ein Weg.

Ob überhaupt oder nur wegen meiner Erkältung schlaucht der Abstieg genauso wie der Aufstieg und am See ist dringend eine Rast notwendig. Zwei Riegel und ein Gel können den Hungerast noch mal abwenden. Am Rundweg um den Lago treffen wir wieder auf andere Menschen. Die Ignoranz der Fußgänger ist auf der Alpensüdseite nicht anders als in Deutschland und um sich Respekt und Platz zu verschaffen hilft die Trillerpfeife bei der Abfahrt von der Staumauer des Lago ins Val di Sole sehr.
In Mezzana (940 m) suche ich dann doch die Apotheke auf, um was gegen den Infekt zu unternehmen. Meine Lieblingsdroge für solche Anlässe — Wick DayMed — haben sie nicht, aber ein vergleichbares Produkt. Bis Dimaro (806 m) rollen wir bequem. Auf der Höhe ist es wieder angenehm mild und trotz Bewölkung wird es heute keinen Regen mehr geben. Damit haben wir den ersten komplett regenfreien Tag geschafft. Im erstbesten Hotel der Gemeinde sehen wir die Erfurter Truppe vom Rif. Bozzi. Wir fahren weiter ins Zentrum und finden ein neu errichtetes Hotel mit Wäsche- und Bike-Service, wie in der Schweiz. Ein eigenes Restaurant haben sie leider nicht, es findet sich aber eine Pizzeria einige hundert Meter weiter auf der gleichen Straße.

Bike-putzen in Dimaro

Bike-putzen in Dimaro

Endlich kann man mal unbeschwert und ohne zu frieren draußen sitzen, wir genießen daß noch eine Weile in einem Café / Cocktailbar gegenüber des Restaurants und beobachten die Leute. Die Kopfschmerzen bekomme ich mit dem Medikament in den Griff und – pure Vernunft darf niemals siegen – bestell ich einen Scotch & Soda als Absacker. Was kommt ist nicht einfach Whiskey mit Sprudelwasser, sondern ein fruchtig-herber Cocktail, der zusätzlich Limettensaft und Prosecco enthält. Keine Ahnung, wie der genannt wird, aber er ist super erfrischend und der Knaller bleibt aus.

[50,44 km | 4:32:47 | 1.900 Hm]

Alpen-Cross Tag 5: Arnorga – Gavia-Paß – Precasaglio

Psychologischer Tiefpunkt der Route bei wieder nur einstelligen Temperaturen und Nässe. Motivation und Fortsetzung des Abenteuers, Schlechtwetter-Alternative über den Passo di Gávia (2.618 m).

Arnoga: Blick aus dem Hotelfenster

Arnoga: Blick aus dem Hotelfenster

Beim Abendessen im »Li Arnoga« hat es sich schon angekündigt und nun ist die Erkältung da. Bei 7°C und Regen fragen wir uns, wie es mit der Tour weitergehen soll. Auf den Bergen ringsherum liegt auf gleicher Höhe Schnee, der am Abend noch nicht da war. Eine Weiterfahrt auf dem Track nach Grosio und über den Passo dell’ Alpe (2.463 m) offroad zum Gavia-Paß (2.652 m) schließen wir gleich aus. Übrig bleiben die Optionen 1) mit dem Rad nach Bormio rollen und weiter die Straße auf den Gavia oder 2) mit dem Bus nach Bormio und abbrechen der Tour. Stücken mit dem ÖPNV überbrücken, bloß um am Gardasee anzukommern ist uns nicht wichtig.
Nach dem Frühstück – mein Appetit hält sich in Grenzen: zwei Croissant und vier Tassen Tee – ist die Straße zur Hälfte abgetrocknet. Als Gehandicapter liegt die Entscheidung Radeln oder Bus bei mir. Auf dem Weg zur Fahrradgarage sage ich Fahren! Mit fast allem was geht auf dem Körper rollen wir langsam los und treffen am Abzweig, wo der Weg vom Torri di Fraéle auf die Straße trifft auf eine Gruppe Alpencrosser, die wir vor Tagen auf dem Weg zur Heidelberger Hütte versägt haben. Die sind noch dabei und wir diskutieren übers Abbrechen – Nein, das darf nicht sein! Plan »Bus« ist für einen Moment vom Tisch.
Kurz vor Bormio zweigt links die Straße auf das Stilfser Joch (2.757 m) ab. Wir diskutieren kurz, ob wir per Bike oder Bus über den Paß fahren und auf der anderen Seite durch das Etschtal oder doch zum Gavia. Erst einmal rein nach Bormio und in einem Restaurant zu Mittag essen.

Bormio, zentraler Platz in der Altstadt

Bormio, zentraler Platz in der Altstadt

An einem zentralen Platz hängt das Streckenprofil von Bormio auf den Gavia, ca. 25 km und 1.400 Hm. Normal kein Thema aber mit Erkältung?!?! Bei 15°C im Tal ist oben nicht mehr als 5°C zu erwarten. Und der Ehrgeiz, der größer ist als alle Vernunft öffne unsere Herzen, bewahre unseren Glauben, stärke unsere Hoffnung und wecke unsere Leidensfähigkeit!
Wir fahren den Gavia. Am Ortsausgang von Bormio wird sich der warmen Klamotten entledigt, um später der Kühle in der Höhe etwas zusetzen zu können. Vorsichtig, nur nicht überdrehen, rechtzeitig Energie und Flüssigkeit zuführen … wie ein Newbie geh ich diesen Berg an. Bei KM14 nahe der psychologischen Zwei-Drittel-Grenze kurzer Stopp und ein Gel.

Paßstraße zum Gavia, 19 km geschafft, nur noch sechs.

Paßstraße zum Gavia, 19 km geschafft, nur noch sechs.

Bei KM20 ist es Zeit, die warmen Sachen wieder überzuwerfen. Ein paar Kurven weiter zeigt sich zur Rechten ein Gebäude, auf dem Parkplatz davor ist nichts von dem Begängnis an Bikern, Autofahrern und Fußgängern zu sehen, die sonst üblicherweise auf einem großen Paßübergang anzutreffen sind. Schild gibt es auch keins, kann es auch nicht, da ich noch nicht ganz oben, sondern nur am Rifugio Berni di Gavia (2.541 m) bin. Bis zum wirklichen Etappenziel sind es noch zwei Kilometer und 111 Meter. Gegenüber des Berni steht ein Denkmal mit den Steinadler, dem Symbol des Nationalpark Stilfser Joch. Zwei Porsche-Schnösel schauen sich fröstelnd das Ensemble an und kapieren nicht, wie man hier freiwillig als Radfahrer hinkommen kann.
Dann tut sich vor mir die Paßhöhe mit dem Rifugio Bonetta (2.562 m) auf. Rechts und links der Straße tümmeln sich Motorradfahrer, geradeaus das traditionell mit vielen Aufklebern bepappte Gipfelschild. Ein italienisch sprechender Motorradfahrer möchte mit seinen Kumpels fotografiert werden, als Gegenleistung erbitte ich selbiges, bevor es in die warme Berghütte geht.

Angekommen!

Angekommen!

Drinnen ist es voll und ich finde Platz bei zwei Bikern, die auch nach Alpencross aussehen. Im Gespräch bei einem Cappuccino wird klar, daß man sich kennt und sie vor paar Tagen an der Heilbronner Hütte im Regen weitergefahren sind. Ihr Ziel ist ebenso der Gardasee. Gerade als sie aufbrechen erreicht auch Matze die Hütte. Noch ein Cappuccino, dann sind die zum Trocknen aufgehangenen Sachen nicht mehr klamm und wir fahren auch los.

Die Abfahrt vom Gavia-Paß ist serpentinenreich: Angstbremsspuren eines Pkw auf dem Asphalt.

Die Abfahrt vom Gavia-Paß ist serpentinenreich: Angstbremsspuren eines Pkw auf dem Asphalt.

Bis zum Tagesziel Precasaglio (1.400 m) geht es nur noch bergab. Die Bewölkung lichtet sich und unten ist es sogar zwei Grad wärmer als Mittag in Bormio.
Ich halte es für ein Wunder, trotz der naß-kalten Wetterlage und der dadurch bedingten Erkältung die TransAlp noch fahren zu können und daß wir sogar wieder im Zeitrahmen des Herrn Albrecht sind. An dem Spruch des Hüttenwirts auf der Heilbronner ist was dran :-)

Tagesziel Precasaglio

Tagesziel Precasaglio

[61,84 km | 1.800 Hm | 3:34:55 h]

Alpen-Cross Tag 4: S-charl – Pass da Costainas – Münstertal – Döss Radond – Arnoga

Überquerung des Alpenhauptkamms am Pass da Costainas (2.251 m) zwischen Unterengadin und Münstertal, kalt Schauer, frieren auf Döss Radond (2.234 m).

Aufbruch bei Crusch Alba

Aufbruch bei Crusch Alba

Das Frühstücksbüffet mit allem läßt nichts zu wünschen übrig, hochwertige Produkte aus der Region in bester Qualität. Satt aber nicht überfressen machen wir uns hinter einer Gruppe von fünf bis sechs Alpencrossern her den bequemen Schotterfahrweg zur Alp Astras (2.135 m) und weiter hinauf über einen Wiesenweg und fahrbaren Trail zum Pass da Costainas (2.251 m) und überqueren hier den Alpenhauptkamm.

An der Alp Astras (2.135 m)

An der Alp Astras (2.135 m)

Auf dem Plateau wird das obligatorische Foto gemacht und anschließend geht es sehr steil aber fahrbar hinab in Münstertal (Val Müstair). In Höhe der Ortschaft Lü (1.920 m) beginnt wieder der Regen: ein kurzer, kalter Schauer.
In Valchava (1.440 m) sitzen wir den Regen im überdachten Garten des Hotel Central bei Kaffee und Backwerk aus. Dann finden wir den Einstieg in den Uphill auf die Höhe von Döss Radnond (2.234 m). Der Weg ist nach einem kurzen Stück älterer Asphalt komplett Naturstraße und mal mehr, mal weniger steil. Ab Alp Praveder (2.083 m) regnet es wieder stärker, die Temperatur ist einstellig.

Döss Radond (2.234 m) - es ist nach der Anfahrt im Regen frisch (Ich hab lange nicht sooo gefroren!).

Döss Radond (2.234 m) - es ist nach der Anfahrt im Regen frisch (Ich hab lange nicht sooo gefroren!).

Auf Döss Radond, dem oberen Ende des Val Mora ist es zwar trocken aber sehr frisch. Die Abfahrt in nassen Klamotten macht keinen Spaß und von dem Temperaturanstieg, der vernichteten Höhenmetern zu verdanken ist, ist nicht viel zu merken. An der Bachbrücke machen wir kurz Halt und ich zieh mir noch was an, um was gegen die Auskühlung zu unternehmen. Wenig später überfahren wir die Grenze nach Italien und entscheiden, am Westufer der Stauseen Lago di Cancano und Lago di San Giacomo im Rif. San Giacomo (1.967 m) was zu Essen.

Der Trail im Val Mora

Der Trail im Val Mora

Pasta und Cola sind in dieser Situation eine zweckmäßige Kombination und sollen Energie bis zum vorverlegten Tagesziel in Arnoga bieten. Herr Albrecht ist bis Grosio gefahren.
Am Passo Torri di Fraéle (1.941 m) genießen wir kurz die Aussicht und legen dann das letzte Stück zehn Kilometer nahezu parallel zur Höhenlinie bis Anorga (1.872 m) zurück.

Passo Torri di Fraele (1.941 m)

Passo Torri di Fraele (1.941 m)

[66,72 km | 1.500 Hm | 4:55:30 h]

Alpen-Cross Tag 3: Neue Heilbronner Hütte – Fimber-Paß – S-charl (Engadin)

Naß-kalte Abfahrt ins Paznaun, über den wieder schneefreien Fimberpaß und ins sommerlich warme Engadin.

Blick von der Heilbronner Hütte zum Scheidsee - es ist Sommer.

Blick von der Heilbronner Hütte zum Scheidsee - es ist Sommer.

Nur die Harten kommen weiter und von denen auch nur zehn Prozent! Dieser Motivation-Mantra des Hütten-Chefs am Morgen soll Motto der Route werden. Es regnet gerade nicht, doch bei 1°C wird die Abfahrt auf den nassen Wegen die wahre Freude. Am kurzen Gegenanstieg zum Kops-Stausee ist zu merken, daß die Beine noch nicht wach sind.

Am Zeinisjoch, das Vorbecken des Stausees Kops

Am Zeinisjoch, das Vorbecken des Stausees Kops

Bis Ischgl (1.377 m) wird es wärmer und nach einem kurzen Einkauf zur Verpflegung auf dem Berg nehmen wir den steilen Anstieg vom Zentrum des Ortes zur Mittelstation der Fimba-Seilbahn.

Ischgl: Mittelstation der Fimba-Seilbahn

Ischgl: Mittelstation der Fimba-Seilbahn

Danach beginnt Schotter und Piste bis zur Heidelberger Hütte (2.264 m). Eine Drei-Mann-Gruppe können wir auf dem Weg mit einigen Bachdurchfahrten hinter uns lassen. An der Heidelberger Hütte sind 11°C und Sonnenschein, in Erinnerung an die großen Kaffee-Portionen vom letzten Jahr halten wir dafür kurz inne und quatschen mit anderen Alpen-Crossern, die eben in dem Moment eintreffen.

Weg zur Heidelberger Hütte

Weg zur Heidelberger Hütte

Von der Heidelberger Hütte aus heißt es eine Stunde schieben auf den Fimberpaß (2.608 m).

Natürlicher Fahrradparkplatz am Fimberpass, enstanden durch Frostsprengung

Natürlicher Fahrradparkplatz am Fimberpaß, enstanden durch Frostsprengung

Etwas abseits in einer windegeschützten Ecke machen wir kurz Pause. Anschließend folgt der lange Downhill mit einigen Schiebestücken ins Engadin.

Solide Bachbrücke auf dem Weg ins Engadin

Solide Bachbrücke auf dem Weg ins Engadin

In Scoul suchen wir einen Bike-Shop auf: Matze hat einen Speichenbruch zu verzeichnen und meine zweite Trinkflasche steht entweder auf dem Fimberpaß oder ist auf dem Downhill danach verloren gegangen. Außerdem nehme ich noch einen zweiten Ersatzschlauch mit. Großzügigerweise können wir vor dem Laden die Räder abspritzen. Im Engadin haben wir zum ersten Mal sommerliche Temperaturen, sonst sind hier um diese Zeit zwar mindestens 30°C, aber etwas über zwanzig ist im Vergleich zu den Werten am Vortag gut genug. Südlich der hohen Inn-Brücke von Scuol (1.250 m) geht es ins Seitental Val S-charl zuerst über Asphalt, dann auf Naturstraße hinauf in die ehemalige Bergarbeitersiedlung S-charl (1.810 m). Wir checken im Hotel Crusch Alba ein sehr wertig eingerichteter Alpengasthof mit allem drum und dran. Sehr praktisch ist der hier angebotene Wäscheservice: am nächsten Tag in frisch gewaschene Radklamotten einsteigen ist ein Traum. Als Souvenier gibt es eine Radtrinkflasche, auf den Einkauf in Scuol hätte ich verzichten können. Nach dem umfangreichen Fünf-Gänge-Nachtessen (der Schweizer verwendet hier nicht den Begriff Abendbrot) unternehmen wir noch einen kurzen Verdauungsspaziergang, bevor es wieder mit Regen anfängt.

[82,68 km | 2.200 Hm | 6:32:36 h]

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